Linda Gruber
Mittwoch, 25. November um 23:22 Uhr
Betreff: Geklaut
Hätte mich noch gestern – na, gut vor etwa vier Wochen – irgendjemand gefragt, ob ich jemals wieder etwas mit dir zu tun haben wollte, dann hätte ich im Brustton der Überzeugung ein lautes NEIN, NIEMALS aus mir herausgeschmettert. Und vermutlich hätte ich dabei so wild mit meinem Kopf geschüttelt, dass mir schwindelig geworden wäre. Und ich hätte mir und dem Schwindel geglaubt.
Aber da konnte ich ja auch noch nicht ahnen, dass mir gewisse deiner bis dahin verdrängten Vorzüge im Angesicht eines männlichen Menschen, der über einen akuten Mangel an just diesen Vorzügen verfügt, massiv und schmerzlich fehlen!
Eigentlich hatte ich überhaupt nicht vor, das zuzugeben – so freiheraus und unumwunden. Eigentlich wollte ich alternativ einfach nur fix behaupten, dass deine Facebook Statuszeile geklaut ist – ganz nonchalant und ungeniert als hätten wir uns nicht eine ganze Ewigkeit, einen ganzen Sommer und einen halben Herbst lang angeschwiegen.
„Ludwig Hahn schläft nur mit einem Auge in seinem künstlichen Universum“. Ludwig, dieser Satz gehört mir, das sind meine ureigenen Worte, geschaffen in meinem ureigenen Kopf!
Was fällt dir ein, mir diesen Ex-Status zu stehlen? Bist du gestern Nacht aufgewacht um 2.34 Uhr mit diesen Worten auf den Lippen? Und da hast du gedacht: Ach, was für ein feiner Satz, den verwende ich sogleich, um ihn der Facebook Gemeinde um die Ohren zu hauen?
Hast du tatsächlich vergessen, dass das irgendwann in „unserem klitzekleinen Zeitfenster“ einmal mein Status war, mein Empfinden? Die Möglichkeit, dass du mich mit diesem Gemütsklau provozieren willst, schließe ich aus. Deine Ignoranz der letzten fünf Monate lässt sich auch mit größter Fantasie nicht fehldeuten oder schönreden – obgleich ich natürlich eine große Schönrednerin bin, wie wir wissen. Ignoranz ist ein glasklares, eindeutiges Signal, das keinen, überhaupt gar keinen Interprätationsspielraum zulässt, das habe ich empirisch untersucht.
Und überhaupt, höre ich jetzt auf. Vielleicht lösche ich diese Nachricht auch schnell bevor ich sie wirklich abschicke und ich mich morgen schämen muss.
Ah, ganz genau weiß ich, wie es sich anfühlen würde. Die Augen würde ich aufschlagen am Morgen, wenn mein Wecker um 7.30 Uhr klingelt, und sowohl der Kopf als auch die außerordentlich aufgedunsenen Augenlider würden mir verraten, dass die Flasche Wein, die neben meinem Bett steht, am frühen Vorabend noch voll war. Da ich diese ganz eindeutig alleine geleert hätte, würde auch der Kater mir ganz alleine gehören. Circa 15 Sekunden nach dem Aufwachen würde mir dann inmitten des streckenden und reckenden Katers siedendheiß einfallen, dass ich mit der ersten Hälfte des Luganas (oder lautet der Genitiv von Lugana Luganae?) meinen Drang herunter gespült habe, dir zu schreiben und dass die zweite Hälfte der Flasche dazu gedient hat, Verträge mit dem eigenen Ich zu lockern und Hemmungen baden gehen zu lassen. Und dann würde ich flugs aufstehen und meine gesendeten Facebook Objekte überprüfen, um feststellen, dass es wahr ist. Und dann würde ich die Nachricht mit einem Augen lesen während ich das andere zukneife und dazu ein wenig wimmern, und dann würde ich mich schämen. Den ganzen Tag lang. In Wellen. Und fluchen.
Aber das ist mir gerade recht einerlei, meine Hemmungen schwimmen gerade im Weißwein herum und denken gar nicht daran, ihren Pflichten nachzukommen. Und deshalb klicke ich jetzt auf Senden.
PS: Wer ist Sophie? Facebook Sophie! Facebook Sophie, die Facebook Ludwig zu Tode kommentiert.
PPS: Wieso München? München! Was machst du in München? Da hättest du gleich ein wenig weiter herunterrutschen können auf der Landkarte, um dich in Italien niederzulassen? Idiot.