Wednesday, 22 June 2011

Betreff: Kind!

Ludwig Hahn

Samstag, 12. Dezember um 10:15 Uhr

Betreff: Kind!

Linda, liebe Linda. Du bist ein gar merkwürdiges Geschöpf. Beinahe putzig, möchte ich meinen. Du hast mich inständig um gemeinen, vernünftigen Input gebeten. Du hast mich angefleht, den Takt Takt sein zu lassen und die Diplomatie stecken. Du willst den verbalen Todesstoß?

Es tut mir leid, und ich bitte aufrichtig um Verzeihung, aber den kann ich dir nicht versetzen. Auch die Ratio, die gewünschte, habe ich nicht im Angebot. Und so habe ich geschwiegen. Du solltest dir mitunter überlegen, was du heraufbeschwörst. Drei Kugeln Eis bestellen und dich dann über die Bauchschmerzen beschweren, das geht so nicht, mein Kind!

Ich habe nichts zu sagen. Nicht das, was du hören willst. Du bist verwirrt? Schön! Das freut mich diebisch. Und ich werde es tunlichst unterlassen, dich zu entwirren. Ganz im Gegenteil. Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, noch mehr Verwirrung zu stiften.

Schluss. Aus. Und Basta.

Betreff: PS: RE: RE: RE: RE: Reden ist Platin.

Linda Gruber

Samstag, 12. Dezember um 10:11 Uhr

Betreff: PS: RE: RE: RE: RE: Reden ist Platin.

PS: Ist das die Antwort, für deren wohldurchdachte Ausformulierung du beinahe eine Woche gebraucht hast? Hmpf? Ernsthaft? Na, herzlichen Dank. Geht’s dir gut? Bist du krank? Hast du sie noch alle? Monsieur, ich bitte Sie! Hmpf? Es hat sich gleich ausgehmpft!

Betreff: RE: RE: RE: RE: Reden ist Platin.

Linda Gruber

Samstag, 12. Dezember um 10:10 Uhr

Betreff: RE: RE: RE: RE: Reden ist Platin.

Ef.Er.A.Ge.E.Zet.E.I.Ce.Ha.E.En.

Betreff: RE: RE: RE: Reden ist Platin.

Ludwig Hahn

Samstag, 12. Dezember um 10:09 Uhr

Betreff: RE: RE: RE: Reden ist Platin.

Hmpf. Ha. Em. Pe. Ef. Hmpf.

Betreff: RE: RE: Reden ist Platin.

Linda Gruber

Samstag, 12. Dezember um 10:09 Uhr

Betreff: RE: RE: Reden ist Platin.

Wie bitte?

Betreff: RE: Reden ist Platin

Ludwig Hahn

Samstag, 12. Dezember um 10:07 Uhr

Betreff: RE: Reden ist Platin.

Hmpf.

Betreff: Reden ist Platin.

Linda Gruber

Samstag, 12. Dezember um 07:32 Uhr

Betreff: Reden ist Platin.

Also, das geht jetzt aber ein bisschen zu weit. Ludwig. Bitte erlöse mich von meiner Qual. Ist dein Schweigen wirklich das Gemeinste, was dir einfällt? Ludwig, dabei warte ich nur. Warten ist zwar qualvoll sondergleichen, aber weniger effektiv als ein verbaler Todesstoß! Ludwig, bitte sei doch ein klein weniger ungemeiner und gib Laut! Silentium ex. Colloquium! Das ist ein Befehl. Over. Ende. Schluss. Aus. Und Basta. Sprich.

PS: Bitte.

Betreff: And the rest is silence?

Linda Gruber

Donnerstag, 10. Dezember um 23:59 Uhr

Betreff: And the rest is silence?

Touché.

Eines muss man dir lassen: Du bist gut, sehr gut. Eisernes Schweigen, das sitzt.

„And the rest is silence“?

Ich konnte Hamlet noch nie leiden, hörst du?!

Schweigen Sie also wohl und seien Sie gegrüßt von der, die gerne ein Rind wäre, das warten kann wie Kant.

Tuesday, 21 June 2011

Betreff: Bitte um Entwirrung

Linda Gruber

Sonntag, 06. Dezember um 16:16 Uhr

Betreff: Bitte um Entwirrung

So, nun habe ich den gesamten Sonntag damit zugebracht, zu hadern mit aller Macht. Mit dem Schokoladen-Nikolaus auf dem Tisch. Mit mir. Und, jawohl, auch mit dir. Und überhaupt mit uns und dieser merkwürdigen Geschichte, die sich hier gerade selbst schreibt wie von dreister Zauberhand.

Das magere Ergebnis: Der Nikolaus ist tot und ich bin verwirrt. Und das gefällt mir gar nicht. Es hat mich soviel Anstrengung gekostet, dich aus meinen Gedanken zu verbannen. Es war so mühselig, über dich hinweg zu kommen. Und jetzt sausen mir die Muffen. Kannst du sie hören, die Muffen und wie sie sausen?

Wo soll das denn hinführen mit diesen unseren Nachrichten? Absurd ist das. Noch nie bin ich so oft um meinen Computer herumgeschlichen, in der Hoffnung, dass das Briefchen-Symbol aufleuchtet und mich auf eine neue Facebook-Nachricht hinweist. Von Ludwig Hahn. Und jedes Mal habe ich Sorge, dass irgendetwas ganz Grausames, Gemeines darin stehen könnte. Und jedes Mal, wenn dem nicht so ist, hüpft mein Herz in meinem Rippenkasten herum wie ein wild gewordener Affe im Käfig. Das ist höchst unangenehm, mein Lieber! Und ungesund obendrein! Und dann denke ich, das kann doch nicht sein und mein Misstrauen wird wach, um sich flugs mit meiner Vorsicht zu verbrüdern. Diese beiden Gesellen tanzen dann vor meiner Nase herum und wedeln dabei aufgeregt mit ihren Zeigefingern. „Gib Acht, gib Acht“, brüllen sie fortissimo.

Du siehst, es herrscht Krieg in meinem Kopf und Verwirrung in meinem Herzen. Ludwig, werter Freund, könntest du das tun, was du am Besten kannst, mich bitte wieder entwirren und meiner Kopflosigkeit etwas ganz erbarmungslos Vernünftiges entgegensetzen? Bitte, entwirre mich.. Schnell. Ich bin auf Alles gefasst, den Samthandschuh kannst du ausziehen, die Diplomatie darfst du ausnahmsweise stecken lassen und so auch den Takt. Entwirre mich, völlig ungehemmt und hemmungslos mit Eisenhand.

Bitte. Ich weiß, dass du es kannst.

Betreff: RE: RE: Bleib, wo Du bist

Linda Gruber

Samstag, 05. Dezember um 23:23 Uhr

Betreff: RE: RE: Bleib, wo Du bist

Darauf kann ich nichts erwidern, lieber, liebster Ludwig. Jetzt möchte ich deine Nachricht noch einmal lesen, deine Worte einatmen und erst einmal nicht wieder aus, sondern den Atem anhalten und mit deinen warmen Worten und einem Wonnegefühl im Bauch einschlafen...

Gute Nacht.

Monday, 20 June 2011

Betreff: RE: Bleib, wo Du bist

Ludwig Hahn

Samstag, 05. Dezember um 20:55 Uhr

Betreff: RE: Bleib, wo Du bist

Heute ist es gar nicht so düster und grau im Postwodkakatzenjammerland, da ich weiß, dass ich es mit dir teile. Ein geheimer Treffpunkt jenseits von allem und allen anderen. Mit dir sitze ich gerne hier, habe Kopfschmerzen und einen rüden Magen, denn ich mache einfach die Augen zu und teile die Symptome mit dir. Brüderlich. Und schwesterlich. Und dabei halte ich deine Hand und hoffe, dass du es nicht bemerkst und sie mir nicht entziehst. Können wir nicht ewig hier bleiben, Linda? Wandern wir aus an die Postwodka und bauen uns ein kleines Häuschen mit einem Eiswürfelbaum vor der Tür und an einem kleinen Bach, in dem Tonic Water fließt. Und im Garten wachsen Aspirin und Fritten rotweiß.

PS: Die Sophie bleibt unprofiliert bis ich ein vollständiges Profil von Tobi erhalten habe. Basta.

Betreff: Bleib, wo Du bist.

Linda Gruber

Samstag, 05. Dezember um 19:02 Uhr

Betreff: Bleib, wo Du bist.

Willkommen im Post-Wodka-Katzenjammerland, mein Armer. Schön hier, nicht? Ich sitze hier auch schon ein Weilchen.

Und nein, du musst, darfst nicht kommen und mich retten. Bleib schön, wo du bist. In 3D will ich dich nicht. Da wirst du mir zu gefährlich. Wir bleiben hübsch in unserem 2D-Kosmos.

PS: Du schuldest mir noch einen Abriss der Sophie.

PPS: Ich muss los. Makrobiotik und Spießer Schlohmeyr (beziehungsweise das umfangreiche Barsortiment in seinem Partykeller) hatten eine gar verheerende Auswirkung auf meinen Appetit. Mich gelüstet es nach Pizza, Pasta und Tiramisu. Man könnte den Appetit wohl auch Kater nennen.

Betreff: RE: RE: Sprachlos

Ludwig Hahn

Samstag, 05. Dezember um 05:42 Uhr

Betreff: RE: RE: Sprachlos

Ja, ja, ja, ja, Linda, Linda, Linda, Linda, ich schulde dir die Welt und lege sie dir zu Füßen soweit es in meiner Macht steht. Nutze mich aus, beraube mich meiner Vorzüge, beute mich aus, nimm mich in die Mangel. Ich gehöre dir.

PS: ich freue mich und griene von einem betrunkenen Ohr zum anderen. Erstens, weil du nicht möchtest, dass ich griene, zweitens auf Grund absolut aufrichtiger Antizipation und drittens, weil meine Fantasie ganz wacker mit mir durchgeht. In den letzten zehn Minuten habe ich wohl drei bis vier komplette psychologische Profile für unseren lieben Tobi erstellt, und diese behagen mir außerordentlich. Das er „hervorragend“ aussieht, das möchte ich allerdings wirklich unkommentiert lassen. Schönheit ist ja bekanntermaßen ein relativ subjektiver, dehnbarer Begriff, und ich bin mir sicher, es lässt sich der eine oder andere Schandfleck finden. Soll ich kommen und eine ordentliche und rein objektive Begutachtung vornehmen? Gerne offeriere ich meinen exklusiven Geschmack und mein kolossales Beurteilungsvermögen. Soll ich?

PPs: Mir ist etwas übel. Ich habe deine Nachricht mit einer kleinen bis mittelgroßen Flasche Wodka und Herrn Schlüter gefeiert. Herr Schlüter ist der langsame, behäbige Typ. Auch beim Trinken.

Gute Nacht. Gute, gute, gute Nacht, Linda, Linda, Linda.

Betreff: RE: Sprachlos

Linda Gruber

Freitag, 04. Dezember um 19:17 Uhr

Betreff: RE: Sprachlos

Dem, lieber widerwärtiger, feiger und ignoranter Scheißkerl, habe ich nichts hinzuzufügen. D'accord auf jeder Linie.

Aber ich bitte dich inständig, lass uns aufhören, in der Vergangenheit herumzurühren – das ist es nicht, was ich will. Ich will dich. Will heißen, mit dir sprechen, mit dir kommunizieren, will mir deine Vorzüge ausborgen, um das Duo Linda & Tobi mit einer Prise Ludwig zu würzen. Nichts weiter will ich. Ich würde dich gerne einfach ein wenig ausnutzen, um meinen Alltag aufzuwerten. Ist das in Ordnung? Können wir uns darauf einigen? Du hast sowieso keine Chance, denn du schuldest mir die Welt.

PS: Quasimodo sieht ganz hervorragend aus. Über die optische Ästhetik musst du dir keine Sorgen machen. Da bin ich in den besten Händen. Ich weiß nicht recht, wie ich sie nun beschreiben soll, die Schönheitsfehler, die keine sind, ohne deine Verzückungsrufe bis nach Hamburg zu hören. In mir drinnen entsteht soeben eine ausgewachsene und eklig intensive Abwehrhaltung, die mir strikt verbietet ins beschreibende Detail zu gehen – und zwar deshalb, weil ich es vermeiden will, dass du dich in Sicherheit wähnst, mein Bester. Gerne würde ich behaupten, Tobi sei ein gefährlicher Konkurrent, der dich in einem Duell locker (und aus der Hüfte heraus) umpusten würde, doch da habe ich mir mit meinen geistlosen Andeutungen über die Tobi-sche Geistlosigkeit wohl selbst ein Bein gestellt. Und so hat es jetzt wenig Sinn, mir und dir einen Traumprinzen zu spinnen, der dich in die Knie und die Eifersucht zwingt. Mist.

Nun gut. Sollst du sie bekommen, die ungeschminkte Wahrheit, doch möchte ich dich inständig bitten, das Folgende zu inhalieren, herunterzuschlucken und unkommentiert zu lassen. Nicht einmal zwischen deinen schönen Zeilen möchte ich dein Grienen herauslesen können. Hörst du, mein Freund?! Unkommentiert!

Aber mein Bericht wird warten müssen, denn jetzt habe ich mich in egoadressierte Rage geschrieben. Wieso konnte ich meine hyperaktive Schnute nicht halten? Wieso schaffst du es immer wieder, mir meine schlimmsten, dunkelsten, ärgsten und geheimsten Geheimnisse zu entlocken? Ludwig, ich kann das gar nicht gutheißen. Und deshalb werde ich mich jetzt eMANzipieren und dich ein kleines süßes wenig schmoren lassen auf der niedrigen Flamme der Neugier und Antizipation.

Und außerdem habe ich mich verabredet mit Sophie und Louisa. Sophie kocht. Rein biologisch makrobiotisch. Diesen Floh hat ihr ein neuer Kollege im Labor ins versuchslustige Öhrchen gesetzt. Ich glaube, die Kombination aus seinen „irrsinnig langen und unverschämt gebogenen Wimpern“ sowie seinen Sommersprossen tat da ihr Übriges.

Und nach der Makrobiotik sind wir dann geladen zur Einweihungsfete bei Spießer Schlohmeyr. Heißa, das klingt nach einer lustigen Sause.

Auf Wiederhören, lieber Ludwig, genießen Sie Ihren Freitagabend. Und bitte taxieren sie doch die Sophie einmal für mich - aus meinem femininen und gar scheelen Blickwinkel. Von oben nach unten und rundherum.

Ich danke im Voraus,

Ihre Linda

Betreff: Sprachlos

Ludwig Hahn

Mittwoch, 02. Dezember um 10:49 Uhr

Betreff: Sprachlos

Linda, ich bin sprachlos und entsetzt ob meiner fehlenden Empathie. In dem feinen kleinen Netz, in das wir beide versponnen waren – einem Netz aus Gefühlen, Ängsten und Traumata – habe ich mich verhalten wie ein rücksichtsloses, egoistisches Fluchttier ohne jeden Sinn für ein Miteinander. Ich habe mich aus dem Netz freigestrampelt und dich schmählich hängen lassen.

Ich kann nichts weiter tun als Dir zu sagen, dass ich mich schäme und dass es mir so leid tut, dass sich mir der Magen umdreht.

Und umso glücklicher bin ich, dass Du Dich bei mir gemeldet hast, dass Du mir noch eine Chance gibst – Linda, Du gibst mir doch noch eine winzige Chance?

Ich bin ein widerwärtiger, feiger und ignoranter Scheißkerl.

Sunday, 19 June 2011

Betreff: RE: Luganste Liebste

Linda Gruber

Mittwoch, 02. Dezember um 00:30 Uhr

Betreff: RE: Luganste Liebste

Dann kannst du dir ja in etwa ein Bild davon machen wie es mir in den letzten 5 Monaten in und jenseits dieser fürchterlichen Facebook Gefilde ergangen ist.

Grämen, das ist eine dreiste, ignorante Verharmlosung, die ich dir am liebsten um die Ohren hauen würde – in Form eines dicken Knüppels.

Gewartet habe ich Stunden, Tage, Wochen auf deine Meldung. Ich konnte es nicht glauben, war mir sicher, du würdest dich bei mir melden, würdest mich vermissen nach dem, was wir hatten. Ich war schockiert! Schwer schockiert. Schwer getroffen. Ganze Welten brachen zusammen. Welten, in denen ich mir vertraut habe und dir. Welten, in dem das, was ich wahrgenommen hatte, der Wahrheit entsprach. Und auf einmal musste ich mich fragen, ob meine Wahrheit auch die deine wahr. Die Nähe, die wir hatten. Diese Nähe!!! Lange, ewig war ich niemandem mehr so nah gewesen. So nah, dass es wehtat, so nah, dass ich dachte, ich könnte den filigranen Moment nur durch mein Atmen zerbrechen, so gläsern war die Atmosphäre. Das war ein solch kostbarer Moment. Und dann musste ich mich fragen, ob er wirklich so geschehen war? Ich musste mich fragen, ob du ihn ganz anders wahrgenommen hattest. War alles eine Farce? Manche Dinge bedürfen der gegenseitigen Huldigung, manche Dinge muss man aussprechen, um sie auf ein genusswürdiges Fundament zu stellen, manche Dinge muss man aussprechen, um ihr Geschehen zu einer Tatsache zu machen. Und über dieses nicht Aussprechen geriet ich ins Taumeln, ins Straucheln. De Omnibus dubitandum. Aber nicht an mir, an mir darf ich nicht zweifeln, das zieht mir dem Boden unter den Füßen weg.

Und während ich also bodenlos umher taumelte, traurig, schockiert und schmerzend wie ein angeschossenes Reh warst du in diesem beschissenen, diesem unmenschlichen, diesem grausamen, kranken Facebook ständig präsent. Ich wollte mich löschen, dich löschen, alles löschen, aber man möchte ja auch keine Schwäche zeigen vor dem, der einen so schwach macht. Vor dem, der ja gar nicht wissen kann, wie sehr es weh tut, wenn da unten rechts dieser kleine grüne Mond brüllt: ER IST ONLINE. ER LEBT. ER ATMET. ER KOMMUNIZIERT. NUR NICHT MIT DIR!

Früher, da war es einfach aus. Man konnte leiden, hassen, trotzen, sich erholen, heilen, aufstehen, weitergehen. Wenn man nicht zufälligerweise denselben Freundeskreis hatte – und sogar dem kann man zeitweise aus dem Weg gehen – konnte man die Existenz des anderen vollkommen verleugnen, sich entfremden, entlieben und gesunden.

Doch heutzutage, da wird man gezwungen im Second Live die digitale Fassung zu bewahren, sich nichts anmerken zu lassen und zwar Tag für Tag. Außer natürlich man ist stark genug, sich nicht täglich einzuloggen, aber selbstverständlich ist man schwach wie ein Süchtiger auf Entzug. Man lechzt förmlich nach einem kleinen Signal, einem winzigen Zeichen, dass es ihm schlecht geht, dass alles nur ein Missverständnis war. Da wird jeder Atemzug, den er macht verfolgt, jede Bewegung genauestens untersucht, jeder Neukontakt gestalkt. Das ist ekelerregend. Würdelos. Respektlos und irgendwie auch nicht, denn der andere bietet sich durch seine Präsenz, seine Transparenz ja gerade zu an. Bitte, hier bin ich – verfolge mich, stalke mich – und warte, du willst wissen, was ich gerade mache, zack: Ludwig Hahn hat ein 2ZKB-Balkon zu vergeben.

Was? Er geht fort, zieht weg? Schlag in die Magengrube. Keine Chance sich zu erholen. Keine Chance über dich hinwegzukommen, denn ständig, ständig warst du da, aber nicht wegen mir und nicht für mich.

Das war schmerzhaft, Ludwig. So schmerzhaft. Die Folterkammer 2.0.

Und weißt du, was noch mehr schmerzt? Dass du mir nun auch noch erzählst, dass wir uns verpasst haben, weil du zu feige warst an MEINER Tür zu klingeln. Du standest zwischen eben den Stühlen, zwischen denen auch ich stand. Ich hatte mich gerade erst getrennt von Hannes. Ich war nicht minder schockiert über das, was da zwischen uns geschah, aber ich empfand es als etwas Kostbares, das es galt festzuhalten, zu stabilisieren, intensivieren bevor es verfliegen konnte.

Heißt das, dass, hätte ich tatsächlich an deiner Tür geklingelt, dann wären wir heute ein Paar? Sag, dass das nicht wahr ist, Ludwig. Sag mir, dass ein Mensch nicht so feige und leichtfertig sein kann...

Nein, sag es nicht. Bitte.

Sag gar nichts mehr. Ich kann das nicht mehr. Kann nicht mehr in den Strudel zurück, brauche den Boden unter meinen Füßen. Ich will dorthin nicht mehr zurück.

Lass mich ein wenig nach Fassung ringen, gib mir die Chance, mich wieder aufzurichten, sag nichts. Ich komme zurück, wenn ich wieder dort angekommen bin, wo ich noch vor ein paar Tagen war. Lass mich. Lass mich ein wenig.

Betreff: PPPS: Luganste Liebste

Ludwig Hahn

Dienstag, 01. Dezember um 23:19 Uhr

Betreff: PPPS: Luganste Liebste

Sie ist hier, sie leuchtet, strahlt, ist online! Aber warum antwortet sie nicht? Bitte antworte mir!

Oder soll ich gar das Chat-Knöpfchen bedienen? Doch dann gibt sie mir sicherlich eine eiskalte Abfuhr, in dem sie mich wegklickt. Das könnte ich nicht ertragen. Das hier kann ich auch nicht ertragen. Linda!!!

Betreff: PPS: Luganste Liebste

Ludwig Hahn

Dienstag, 28. November um 21:39 Uhr

Betreff: PPS: Luganste Liebste

Linda? Linda! Bitte schweige mich nicht an. Das dröhnt in meinen Ohren, das kann ich nicht ertragen. Lass mich erklären, erläutern, argumentieren, gegensteuern, zurückrudern mit dir an Bord. Nicht wegschwimmen. Bleib hier, bleib bei mir!!

Betreff: PS: Luganste Liebste

Ludwig Hahn

Samstag, 28. November um 16:25 Uhr

Betreff: PS: Luganste Liebste

Oh, mir geht es schlecht, liebe wiedergewonnene Freundin. Mir geht es so schlecht. Ich leider unter mir und der Welt oder vielleicht nur unter dem Elektrolytemangel. Ionen konnte ich auch in meinem Kühlschrank keine finden. Ich bin mir ziemlich sicher in von frei laufenden Hühnern gelegten Eiern und dem einsamen Eckchen Käse stecken keine drin.

Linda, es macht doch alles keinen Sinn und doch macht es nur so Sinn. Glaube mir, auch der vom Tourismusamt als blau-weiß verkaufte bayerische Himmel hängt hin und wieder voller dunkler, unbarmherziger Geigen, die so laut fiedeln, dass es schmerzt im Herzen. Und hinzu kommt der Dialekt, der dem Grau ein unästhetisches Timbre verleiht.

Aber, was rede ich. Stellung nehmen sollte ich.

Zuerst möchte ich aber auf den Teufel zu sprechen kommen, den du als makabres Siegel auf unser Gespann drückst. Ich bin beinahe ein wenig getroffen von dieser düsteren Interpretation. Diabolisch sind wir nun nicht, etwas un-geartet möglicherweise.

Und mein Abgang – setzten wir voraus, dass es einer war – war nicht schwach, sondern vielmehr ein passives Davondriften. Ich kann dich vor Entrüstung Aufheulen hören...

Ich bin nicht gegangen, ich habe mich nur nicht bewegt, habe nur schlicht nicht agiert, was in Anbetracht der Tatsache, dass du dies offensichtlich von mir erwartet hast, wohl durchaus von Schwäche zeugt. Gut, ich gebe es zu. Ich war schwach. Ich war überfordert. Mit mir, der Situation, deinen Forderungen, dem Präsens und der Zukunft, die sich da auftat. Aber was hast du erwartet? Da landet man völlig unverhofft nach 2 Jahren indirekter, aber dennoch intensiver Freundschaft mit der frischgebackenen Ex des Mitbewohners in der ganz und gar nicht platonischen Horizontale und steht auf einmal zwischen diversen Stühlen. Und das als – oh, du wirst mich verfluchen – als eingefleischter Junggeselle mit Commitment-Schwierigkeiten. Du weißt, ich verehre Dich, habe Dich immer verehrt, doch als Du von einer „Intensivierung“ sprachst, da wurde es mir etwas heiß, etwas zu heiß und ich stellte mich tot in meiner Panik, verharrte regungslos. Oh weh, still nur, ganz still, dachte ich mir, vielleicht bleibt dann die Zeit ein wenig stehen.

Nur hast auch du nichts unternommen, um mich aus der Totenstarre zu provozieren. Du hast gleichermaßen sang- und klanglos verharrt, und so bin ich noch einmal davon gekommen. Das will aber nicht heißen, dass ich mir in manchem Moment nicht ein klein wenig mehr Tatendrang – gänzlich unverdient natürlich – von dir gewünscht hätte. In so manchem Tagtraum standest du vor meiner Tür mit einer mächtigen Pistole, die du mir auf die entscheidungsschwache Brust setztest.

Und dann kam das Versetzungsangebot in die Münchener Sozietät. Auf den laut hupenden Zug sprang ich auf, nachdem die Haustürklingel stumm blieb.

So war es. So ist es. Es tut mir leid, wenn Du Dich grämen musstest wegen mir, wenn Du warten musstest, gewartet hast, obwohl ich doch besser weiß als alle anderen, dass du nicht warten kannst wie Kant, das Rind. Und schon wieder falle ich meinem Lindazitierzwang anheim. Ich musste immer schmunzeln, wenn deine Ungeduld in dieser gequälten Steilfalte auf deiner Stirn zu Tage trat und du im dramatischsten aller Töne verlautbartest: „Wenn ich doch nur warten könnte wie ein Rind.“ Dabei war es oft nur der Freitag, den du herbeisehntest oder den Sushilieferanten mit Sushiröllchen ohne Fisch. Seitdem du den delikaten Vergleich zwischen einem Lachs-Nigiri und einer gehäuteten Nacktschecke angestellt hast, habe ich nebenbei erwähnt kein einziges Nigiri-Suhi mehr gegessen.

Ach, liebe Linda, jetzt werde ich sentimental und melodramatisch, ziehe mich also lieber zurück in meinen Sessel und gönne mir den Polit- und Wirtschaftsteil der Zeitung, um mich wieder zu rationalisieren und mich in diejenige indifferente, indolente Konstitution zu manövrieren, in der du mich hassen würdest.

Doch, bevor du mich hasst, bitte, du schuldest mir noch eine Antwort hinsichtlich des Schönheitsfehlers deines Beziehungsversuchs! Sieht er nun grässlich aus, der Geistlose?

Sei mir nicht böse, da oben im Norden – das würde der Süden, der so froh ist über die Rückkehr seines Gegenpols, nicht verkraften, sagt der Süden und wünscht einen barmherzigen Kater.

Betreff: Luganste, Liebste

Ludwig Hahn

Samstag, 28. November um 4:02 Uhr

Betreff: Luganste, Liebste

Wenn da nur nicht was? Ein drittes Auge? Eines zu wenig? Zu klein? Zu dick? Ein Horn vielleicht, das herauslugt aus dem schütteren Haupthaar oder gar zwei? Schiefe Zähne? Nein, ich hab's, er lacht zu laut, zu viel, denn am vielen Lachen erkennt man den Narren, nicht wahr?

PS: Wäre Lugana ein Adjektiv, dann lautete der Superlativ luganste, Liebste.

PPS: Elektrolyte sind im weitesten Sinne Stoffe, die zumindest teilweise als Ionen vorliegen. Jetzt weißt du's.

PPPS: Sophie trinkt sehr gerne sehr viel. Und auch gab ihr mein trunkenes Ich noch keinen Anlass zur Beschwerde. (Re „Sind die echt?“ → Linda, Linda, Linda..)

Das war meinerseits ein Einschub in Reaktion auf deinen Einschub. Meine Antwort auf deine deinem Einschub vorausgegangenen Nachrichten, letztere der beiden nicht ausklammernd, folgt postwendend. Das ist eine Lüge, ich wollte lediglich das Wort „postwendend“ verwenden. Meine Antwort auf deine deinem Einschub vorausgegangenen Nachrichten folgt dann, wenn ich wieder nüchtern bin.

Schlafen Sie wohl, gnädige Frau, neben Ihrem Quasimodo.

Saturday, 18 June 2011

Betreff: RE: RE: RE: RE: Geklaut

Linda Gruber

Samstag, 28. November um 3:21 Uhr


Betreff: RE: RE: RE: RE: Geklaut


Einschub während ich auf deine Antwort auf meine vorangegangenen Nachrichten warte, wobei ich letztere der beiden nun eigentlich lieber ausklammern würde:
ER wusste, wer Werther ist, aber er hielt es für unbedingt notwendig, mich darüber aufzuklären, dass er – der ja nicht zur breiten ungebildeten Masse gehört, so wie die Hausfrau von Nebenan (O-Ton Tobi) – es nicht für ein Karamell hält! Das, das ist noch viel schlimmer. Autsch.

Gute Nacht.


PS: Wenn der Plural von Lugana tatsächlich Luganae hieße, wie hieße dann wohl der Superlativ, wenn Lugana ein Adjektiv wäre, denn der Superlativ von Lugana im Plural sorgt gerade dafür, dass sich mein Kopf dreht und dreht und dreht... Immer hübsch rundherum.

PPS: Wenn ich wüsste, was Elektrolyte sind, die ja gegen den Kater helfen sollen, dann würde ich diese jetzt gleichermaßen in der superlativischen Mehrzahl zu mir nehmen. So gehe ich jetzt einfach nur schlafen und kann den Kater schon riechen. Zehn Meilen gegen den Wind.

PPS: Ich hoffe, Sophie verträgt Alkohol und dein trunkenes Alter Ego.

Ende Einschub.


Ach, und ja, er – Tobi - sieht gut aus. Wenn da nur nicht...

Betreff: RE: RE: RE: Geklaut

Ludwig Hahn

Freitag, 27. November um 22:49 Uhr


Betreff: RE: RE: RE: Geklaut


Aber, aber Mademoiselle. Wer wird denn gleich seine Contenance verlieren und unflätig werden?

Ich habe noch niemals nicht geantwortet, ich habe noch niemals nicht reagiert auf Dich! Und so antworte ich auch dieses Mal und werde es immer tun, denn du weißt sehr gut, wie ungemein höflich ich bin. Nur ein wenig Zeit geben musst du mir mitunter.

Und da ich jetzt ausgehen werde, um mich sinnlos und besinnungslos zu betrinken, wirst du noch ein klein wenig länger warten müssen auf deine Antwort.


PS: Viel Spaß mit Tobi, dem Geistlosen, an diesem Freitag Abend.

PPS: Ich hoffe, dein Sozialexperiment verfügt wenigstens über optisch schlagende Argumente, wenn er geistig schon so einfältig ist.


Ich empfehle mich dir und dem Werther. Und bitte fange nicht an zu rauchen. Das steht dir nicht.



Betreff: PS: RE: RE: Geklaut

Linda Gruber

Donnerstag, 26. November um 23:54 Uhr


Betreff: PS: RE: RE: Geklaut


Das war mir klar, dass du dich nach dieser meiner letzten Nachricht wieder zurückziehst in dein Silentium. Jetzt, da es hinaus ging über das zwanglose, scherzhafte Geplänkel. Jetzt, da du Stellung hättest beziehen müssen. Feigling.

Ach, und bitte nimm doch zur Kenntnis, dass ich jetzt gleich eine Zigarette rauchen werde obwohl ich ja eigentlich nicht rauche. Tobi hat die seinen hier liegen lassen.


Betreff: RE: RE: Geklaut

Linda Gruber

Donnerstag, 26. November um 16:12 Uhr

Betreff: RE: RE: Geklaut

Also ich weiß nicht, lieber Ludwig, ob du das als Kompliment verstehen darfst? Wenn du von der Tatsache absiehst, dass du im Ganzen eine Mangelware bist, mit ein bis zwei spontanen Vorzügen, die eingebettet in die Mankos aber kaum ins Gewicht fallen, dann ja, dann darfst du es als Kompliment verstehen, dass du die deutsche Rechtschreibung beherrscht und dass ich mit dir über vieles, so vieles, sprechen kann, dass du mich verstehst. Und dass du weißt, dass der junge Werther kein Lutschbonbon ist.

Der männliche Mensch, von dem ich spreche, heißt Tobi. Louisa und Sarah – ich bin mir sicher, sie würden mich lynchen, wenn sie wüssten, dass ich dir gerade schreibe - sind partout der Meinung, ich sei zu vergeistigt. Ich solle mich ein wenig locker machen. Und da ich gut gemeinten Ratschlägen grundsätzlich nichts entgegen zu setzen habe, setzte ich mich jetzt mit einem männlichen Menschen auseinander, der so gar nicht vergeistigt ist. Ich habe ihn vor vier Wochen an einer Bar gefunden und beschlossen, ihn ein wenig zu behalten, um mich zu entgeistigen. Ich nenne das ein soziales Experiment. Quasi eine Operation ohne Narkose, obwohl mir ein wenig Bewusstlosigkeit in Tobis Gesellschaft hin und wieder gut täte.

Sophie ist also ein weiblicher Mensch. Dein Lindazitierzwang nimmt überhand, mein Lieber. Du imitierst mich verbal. Jeder Hobbypsychologe weiß, dass das ein gutes Zeichen ist. Gut, dass ich weder an Zeichen noch an Psychologen glaube. Die Verbindung Ludwig&Linda ist so rabenschwarz, da braucht es keine Zeichen mehr, da steht der Teufel in allen Häusern.

Aber zurück zu Sophie: Hätte ich mir nicht bereits anhand des Namens erschlossen, dass Sophie ein Mädchen ist, dann hätte sie am Ende ihr Facebook Profilbild verraten. Ziemlich weiblich, sehr weiblich – sind die echt? Und wenn du einen Lindazitierzwang hast, dann hat Sophie einen Ludwigsstatuszeilenkommentierzwang. Und glaube nur nicht, dass ich nicht Besseres zu tun habe als auf Facebook deine Gemütszustände samt Kommentaren zu verfolgen. Aber das, DAS, IHRE Ludwig-OBSESSION, kann man nicht übersehen!

PS: Dein Abgang vor 5 Monaten war nebenbei bemerkt schwach. Sehr schwach. Und jetzt höre ich auf, sonst werde ich wieder so wütend, dass ich nie wieder – NIE WIEDER – etwas mit dir zu tun haben möchte. Du Sch*kerl. Mit Verlaub.

PPS: Ohne Verlaub und ohne Sternchen-Platzhalter. Einfach nur, du Scheißkerl, du Scheißkerl!

Betreff: RE: Geklaut

Ludwig Hahn

Donnerstag, 26. November um 10:56 Uhr

Betreff: RE: Geklaut

Du hast Recht. Auf einmal war er da, der Satz. Aus heiterem beziehungsweise angeheitertem Himmel. Mit dir habe ich ihn in der Tat nicht in Verbindung gebracht, verzeih. Zu meiner Verteidigung möchte ich jedoch anbringen, dass auch ich mich unter Einfluss von Alkoholika befand als ich die Worte hineingehackt habe in die Statuszeile, die zu diesem Zeitpunkt etwas schwankte; vielleicht war es aber auch ich, der aus dem Gleichgewicht geraten war. Im Nachgang kann ich diesen Sachverhalt schwer rekonstruieren.

Wenn ich der Rechnung vom „Wirtshaus“ in meiner Jackettasche Glauben schenken darf, dann war ich am Konsum von 10 Bieren, 8 Klaren und einer Cola mindestens zu 50 Prozent beteiligt. (Nur die Cola geht nicht auf meine Kappe, da bin ich mir relativ sicher.) Da möge Madame mir verzeihen, dass ich ihr so mir nichts dir nichts einen alten Status gestohlen habe. Dreist und unverzeihlich. Man könnte aber es aber auch als unterbewussten Lindazitierzwang auslegen und somit also irgendwie als Kompliment.

Zu deinen Postscripta:

Sophie ist ein weiblicher Mensch.

München: Ich arbeite hier. Linda, was sonst sollte ich hier tun? Wenn ich gänzlich frei auf der Weltkarte hätte herumrutschen dürfen, dann wäre ich lieber ein ganzes Stückchen weiter nach links gerutscht. Dorthin, wo Mangos nicht Flugmangos heißen müssen, wenn sie schmecken sollen. Und dorthin, wo Karneval nichts mit Pappnasen zu tun hat.

PS: Wer ist der männliche Mensch, dem es an gewissen Vorzügen mangelt?

PPS: Von welchen mutmaßlichen Vorzügen sprechen wir? Bevor ich mich für ein mutmaßliches Kompliment bedanke, sollten wir diese Frage klären.

Betreff: Geklaut

Linda Gruber

Mittwoch, 25. November um 23:22 Uhr

Betreff: Geklaut

Hätte mich noch gestern – na, gut vor etwa vier Wochen – irgendjemand gefragt, ob ich jemals wieder etwas mit dir zu tun haben wollte, dann hätte ich im Brustton der Überzeugung ein lautes NEIN, NIEMALS aus mir herausgeschmettert. Und vermutlich hätte ich dabei so wild mit meinem Kopf geschüttelt, dass mir schwindelig geworden wäre. Und ich hätte mir und dem Schwindel geglaubt.

Aber da konnte ich ja auch noch nicht ahnen, dass mir gewisse deiner bis dahin verdrängten Vorzüge im Angesicht eines männlichen Menschen, der über einen akuten Mangel an just diesen Vorzügen verfügt, massiv und schmerzlich fehlen!

Eigentlich hatte ich überhaupt nicht vor, das zuzugeben – so freiheraus und unumwunden. Eigentlich wollte ich alternativ einfach nur fix behaupten, dass deine Facebook Statuszeile geklaut ist – ganz nonchalant und ungeniert als hätten wir uns nicht eine ganze Ewigkeit, einen ganzen Sommer und einen halben Herbst lang angeschwiegen.

„Ludwig Hahn schläft nur mit einem Auge in seinem künstlichen Universum“. Ludwig, dieser Satz gehört mir, das sind meine ureigenen Worte, geschaffen in meinem ureigenen Kopf!

Was fällt dir ein, mir diesen Ex-Status zu stehlen? Bist du gestern Nacht aufgewacht um 2.34 Uhr mit diesen Worten auf den Lippen? Und da hast du gedacht: Ach, was für ein feiner Satz, den verwende ich sogleich, um ihn der Facebook Gemeinde um die Ohren zu hauen?

Hast du tatsächlich vergessen, dass das irgendwann in „unserem klitzekleinen Zeitfenster“ einmal mein Status war, mein Empfinden? Die Möglichkeit, dass du mich mit diesem Gemütsklau provozieren willst, schließe ich aus. Deine Ignoranz der letzten fünf Monate lässt sich auch mit größter Fantasie nicht fehldeuten oder schönreden – obgleich ich natürlich eine große Schönrednerin bin, wie wir wissen. Ignoranz ist ein glasklares, eindeutiges Signal, das keinen, überhaupt gar keinen Interprätationsspielraum zulässt, das habe ich empirisch untersucht.

Und überhaupt, höre ich jetzt auf. Vielleicht lösche ich diese Nachricht auch schnell bevor ich sie wirklich abschicke und ich mich morgen schämen muss.

Ah, ganz genau weiß ich, wie es sich anfühlen würde. Die Augen würde ich aufschlagen am Morgen, wenn mein Wecker um 7.30 Uhr klingelt, und sowohl der Kopf als auch die außerordentlich aufgedunsenen Augenlider würden mir verraten, dass die Flasche Wein, die neben meinem Bett steht, am frühen Vorabend noch voll war. Da ich diese ganz eindeutig alleine geleert hätte, würde auch der Kater mir ganz alleine gehören. Circa 15 Sekunden nach dem Aufwachen würde mir dann inmitten des streckenden und reckenden Katers siedendheiß einfallen, dass ich mit der ersten Hälfte des Luganas (oder lautet der Genitiv von Lugana Luganae?) meinen Drang herunter gespült habe, dir zu schreiben und dass die zweite Hälfte der Flasche dazu gedient hat, Verträge mit dem eigenen Ich zu lockern und Hemmungen baden gehen zu lassen. Und dann würde ich flugs aufstehen und meine gesendeten Facebook Objekte überprüfen, um feststellen, dass es wahr ist. Und dann würde ich die Nachricht mit einem Augen lesen während ich das andere zukneife und dazu ein wenig wimmern, und dann würde ich mich schämen. Den ganzen Tag lang. In Wellen. Und fluchen.

Aber das ist mir gerade recht einerlei, meine Hemmungen schwimmen gerade im Weißwein herum und denken gar nicht daran, ihren Pflichten nachzukommen. Und deshalb klicke ich jetzt auf Senden.

PS: Wer ist Sophie? Facebook Sophie! Facebook Sophie, die Facebook Ludwig zu Tode kommentiert.

PPS: Wieso München? München! Was machst du in München? Da hättest du gleich ein wenig weiter herunterrutschen können auf der Landkarte, um dich in Italien niederzulassen? Idiot.