Sunday, 19 June 2011

Betreff: PS: Luganste Liebste

Ludwig Hahn

Samstag, 28. November um 16:25 Uhr

Betreff: PS: Luganste Liebste

Oh, mir geht es schlecht, liebe wiedergewonnene Freundin. Mir geht es so schlecht. Ich leider unter mir und der Welt oder vielleicht nur unter dem Elektrolytemangel. Ionen konnte ich auch in meinem Kühlschrank keine finden. Ich bin mir ziemlich sicher in von frei laufenden Hühnern gelegten Eiern und dem einsamen Eckchen Käse stecken keine drin.

Linda, es macht doch alles keinen Sinn und doch macht es nur so Sinn. Glaube mir, auch der vom Tourismusamt als blau-weiß verkaufte bayerische Himmel hängt hin und wieder voller dunkler, unbarmherziger Geigen, die so laut fiedeln, dass es schmerzt im Herzen. Und hinzu kommt der Dialekt, der dem Grau ein unästhetisches Timbre verleiht.

Aber, was rede ich. Stellung nehmen sollte ich.

Zuerst möchte ich aber auf den Teufel zu sprechen kommen, den du als makabres Siegel auf unser Gespann drückst. Ich bin beinahe ein wenig getroffen von dieser düsteren Interpretation. Diabolisch sind wir nun nicht, etwas un-geartet möglicherweise.

Und mein Abgang – setzten wir voraus, dass es einer war – war nicht schwach, sondern vielmehr ein passives Davondriften. Ich kann dich vor Entrüstung Aufheulen hören...

Ich bin nicht gegangen, ich habe mich nur nicht bewegt, habe nur schlicht nicht agiert, was in Anbetracht der Tatsache, dass du dies offensichtlich von mir erwartet hast, wohl durchaus von Schwäche zeugt. Gut, ich gebe es zu. Ich war schwach. Ich war überfordert. Mit mir, der Situation, deinen Forderungen, dem Präsens und der Zukunft, die sich da auftat. Aber was hast du erwartet? Da landet man völlig unverhofft nach 2 Jahren indirekter, aber dennoch intensiver Freundschaft mit der frischgebackenen Ex des Mitbewohners in der ganz und gar nicht platonischen Horizontale und steht auf einmal zwischen diversen Stühlen. Und das als – oh, du wirst mich verfluchen – als eingefleischter Junggeselle mit Commitment-Schwierigkeiten. Du weißt, ich verehre Dich, habe Dich immer verehrt, doch als Du von einer „Intensivierung“ sprachst, da wurde es mir etwas heiß, etwas zu heiß und ich stellte mich tot in meiner Panik, verharrte regungslos. Oh weh, still nur, ganz still, dachte ich mir, vielleicht bleibt dann die Zeit ein wenig stehen.

Nur hast auch du nichts unternommen, um mich aus der Totenstarre zu provozieren. Du hast gleichermaßen sang- und klanglos verharrt, und so bin ich noch einmal davon gekommen. Das will aber nicht heißen, dass ich mir in manchem Moment nicht ein klein wenig mehr Tatendrang – gänzlich unverdient natürlich – von dir gewünscht hätte. In so manchem Tagtraum standest du vor meiner Tür mit einer mächtigen Pistole, die du mir auf die entscheidungsschwache Brust setztest.

Und dann kam das Versetzungsangebot in die Münchener Sozietät. Auf den laut hupenden Zug sprang ich auf, nachdem die Haustürklingel stumm blieb.

So war es. So ist es. Es tut mir leid, wenn Du Dich grämen musstest wegen mir, wenn Du warten musstest, gewartet hast, obwohl ich doch besser weiß als alle anderen, dass du nicht warten kannst wie Kant, das Rind. Und schon wieder falle ich meinem Lindazitierzwang anheim. Ich musste immer schmunzeln, wenn deine Ungeduld in dieser gequälten Steilfalte auf deiner Stirn zu Tage trat und du im dramatischsten aller Töne verlautbartest: „Wenn ich doch nur warten könnte wie ein Rind.“ Dabei war es oft nur der Freitag, den du herbeisehntest oder den Sushilieferanten mit Sushiröllchen ohne Fisch. Seitdem du den delikaten Vergleich zwischen einem Lachs-Nigiri und einer gehäuteten Nacktschecke angestellt hast, habe ich nebenbei erwähnt kein einziges Nigiri-Suhi mehr gegessen.

Ach, liebe Linda, jetzt werde ich sentimental und melodramatisch, ziehe mich also lieber zurück in meinen Sessel und gönne mir den Polit- und Wirtschaftsteil der Zeitung, um mich wieder zu rationalisieren und mich in diejenige indifferente, indolente Konstitution zu manövrieren, in der du mich hassen würdest.

Doch, bevor du mich hasst, bitte, du schuldest mir noch eine Antwort hinsichtlich des Schönheitsfehlers deines Beziehungsversuchs! Sieht er nun grässlich aus, der Geistlose?

Sei mir nicht böse, da oben im Norden – das würde der Süden, der so froh ist über die Rückkehr seines Gegenpols, nicht verkraften, sagt der Süden und wünscht einen barmherzigen Kater.

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