Linda Gruber
Mittwoch, 02. Dezember um 00:30 Uhr
Betreff: RE: Luganste Liebste
Dann kannst du dir ja in etwa ein Bild davon machen wie es mir in den letzten 5 Monaten in und jenseits dieser fürchterlichen Facebook Gefilde ergangen ist.
Grämen, das ist eine dreiste, ignorante Verharmlosung, die ich dir am liebsten um die Ohren hauen würde – in Form eines dicken Knüppels.
Gewartet habe ich Stunden, Tage, Wochen auf deine Meldung. Ich konnte es nicht glauben, war mir sicher, du würdest dich bei mir melden, würdest mich vermissen nach dem, was wir hatten. Ich war schockiert! Schwer schockiert. Schwer getroffen. Ganze Welten brachen zusammen. Welten, in denen ich mir vertraut habe und dir. Welten, in dem das, was ich wahrgenommen hatte, der Wahrheit entsprach. Und auf einmal musste ich mich fragen, ob meine Wahrheit auch die deine wahr. Die Nähe, die wir hatten. Diese Nähe!!! Lange, ewig war ich niemandem mehr so nah gewesen. So nah, dass es wehtat, so nah, dass ich dachte, ich könnte den filigranen Moment nur durch mein Atmen zerbrechen, so gläsern war die Atmosphäre. Das war ein solch kostbarer Moment. Und dann musste ich mich fragen, ob er wirklich so geschehen war? Ich musste mich fragen, ob du ihn ganz anders wahrgenommen hattest. War alles eine Farce? Manche Dinge bedürfen der gegenseitigen Huldigung, manche Dinge muss man aussprechen, um sie auf ein genusswürdiges Fundament zu stellen, manche Dinge muss man aussprechen, um ihr Geschehen zu einer Tatsache zu machen. Und über dieses nicht Aussprechen geriet ich ins Taumeln, ins Straucheln. De Omnibus dubitandum. Aber nicht an mir, an mir darf ich nicht zweifeln, das zieht mir dem Boden unter den Füßen weg.
Und während ich also bodenlos umher taumelte, traurig, schockiert und schmerzend wie ein angeschossenes Reh warst du in diesem beschissenen, diesem unmenschlichen, diesem grausamen, kranken Facebook ständig präsent. Ich wollte mich löschen, dich löschen, alles löschen, aber man möchte ja auch keine Schwäche zeigen vor dem, der einen so schwach macht. Vor dem, der ja gar nicht wissen kann, wie sehr es weh tut, wenn da unten rechts dieser kleine grüne Mond brüllt: ER IST ONLINE. ER LEBT. ER ATMET. ER KOMMUNIZIERT. NUR NICHT MIT DIR!
Früher, da war es einfach aus. Man konnte leiden, hassen, trotzen, sich erholen, heilen, aufstehen, weitergehen. Wenn man nicht zufälligerweise denselben Freundeskreis hatte – und sogar dem kann man zeitweise aus dem Weg gehen – konnte man die Existenz des anderen vollkommen verleugnen, sich entfremden, entlieben und gesunden.
Doch heutzutage, da wird man gezwungen im Second Live die digitale Fassung zu bewahren, sich nichts anmerken zu lassen und zwar Tag für Tag. Außer natürlich man ist stark genug, sich nicht täglich einzuloggen, aber selbstverständlich ist man schwach wie ein Süchtiger auf Entzug. Man lechzt förmlich nach einem kleinen Signal, einem winzigen Zeichen, dass es ihm schlecht geht, dass alles nur ein Missverständnis war. Da wird jeder Atemzug, den er macht verfolgt, jede Bewegung genauestens untersucht, jeder Neukontakt gestalkt. Das ist ekelerregend. Würdelos. Respektlos und irgendwie auch nicht, denn der andere bietet sich durch seine Präsenz, seine Transparenz ja gerade zu an. Bitte, hier bin ich – verfolge mich, stalke mich – und warte, du willst wissen, was ich gerade mache, zack: Ludwig Hahn hat ein 2ZKB-Balkon zu vergeben.
Was? Er geht fort, zieht weg? Schlag in die Magengrube. Keine Chance sich zu erholen. Keine Chance über dich hinwegzukommen, denn ständig, ständig warst du da, aber nicht wegen mir und nicht für mich.
Das war schmerzhaft, Ludwig. So schmerzhaft. Die Folterkammer 2.0.
Und weißt du, was noch mehr schmerzt? Dass du mir nun auch noch erzählst, dass wir uns verpasst haben, weil du zu feige warst an MEINER Tür zu klingeln. Du standest zwischen eben den Stühlen, zwischen denen auch ich stand. Ich hatte mich gerade erst getrennt von Hannes. Ich war nicht minder schockiert über das, was da zwischen uns geschah, aber ich empfand es als etwas Kostbares, das es galt festzuhalten, zu stabilisieren, intensivieren bevor es verfliegen konnte.
Heißt das, dass, hätte ich tatsächlich an deiner Tür geklingelt, dann wären wir heute ein Paar? Sag, dass das nicht wahr ist, Ludwig. Sag mir, dass ein Mensch nicht so feige und leichtfertig sein kann...
Nein, sag es nicht. Bitte.
Sag gar nichts mehr. Ich kann das nicht mehr. Kann nicht mehr in den Strudel zurück, brauche den Boden unter meinen Füßen. Ich will dorthin nicht mehr zurück.
Lass mich ein wenig nach Fassung ringen, gib mir die Chance, mich wieder aufzurichten, sag nichts. Ich komme zurück, wenn ich wieder dort angekommen bin, wo ich noch vor ein paar Tagen war. Lass mich. Lass mich ein wenig.